Chlorid

31. August 2009

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist. Den Rest des Beitrags lesen »

Italienische Reise

28. Mai 2008

von

Helmut Zsifkovits

Wir stecken fest. Nichts bewegt sich, wir können nirgendwohin, nicht nach links,
nicht nach rechts, nicht vorwärts, nicht rückwärts. Niemand außer uns zieht in
Betracht sich rückwärts zu bewegen, aber da vorne sitzt Angelo, der Meister der
Kehrtwendungen, der unerwarteten Schwenks, der Rückkehr zum Ursprung, des
Denkens in Kreisen.
Jetzt ist auch ihm jedes Schlupfloch verwehrt, die Hände liegen resignierend am
Lenkrad des Busses, nur der Gasfuß zittert leicht.
Der Stau auf der Gegenfahrbahn ist wahrscheinlich viel länger, zehn Minuten lang
waren wir vorbeigefahren an familiengefüllten Autos und Lastwagenfahrern mit
Coladose und Wurstbrot, an schwitzenden und fluchenden Nadelstreifmanagern mit
Handy, an quiekenden Viehtransportern, an Bussen voller frohlockenden
Schulkindern, die mit diebischer Freunde den Zwangsausfall der Rechenstunde
antizipieren.
Alle waren sie stillgestanden, hatten ein paar Quadratmeter Asphalt für sich, manche
mehr, andere weniger. Hatten sich zugesehen beim Wurstbrotessen und Colatrinken
und Telefonieren und Fluchen.
Angelo hatte noch breit unter seiner Sonnenbrille hervor gegrinst und unseren
himmelblauen Bus zwischen die feuerroten Ferraris auf der linken Spur gezwängt,
unbeeindruckt vom wilden Gehupe.
Irgendwann waren auch wir stillgestanden. Der rote Sportwagen vor uns hatte noch
einmal aufgeheult, doch auch die solcherart demonstrierte Kraft der blechbewehrten
Pferdestärken hatte nichts an seiner Bewegungslosigkeit zu ändern vermocht.
Und Angelos Gasfuß zittert leicht.
Wir stecken fest. Eingezwängt zwischen drei Millionen Idioten, die zur Fiera
Ceramica, der weltgrößten Messe für Fliesen fahren. Eine Stadt erstickt. In
zweitausend Jahren wird Bologna wiederentdeckt werden, unter einer Schicht von
fünfzehn Meter Fliesen.
Scheiß Italiener. Warum können sie ihre Böden nicht mit Spannteppichen belegen,
oder mit Holzparkett. Oder asphaltieren. Oder in ihren Nationalfarben streichen.
Und Angelos Gasfuß zittert leicht. Ohnmächtig starrt er vor sich hin, und die endlose
Schlange der Fahrzeuge der Fliesenfetischisten spiegelt sich in seinen Sonnenbrillen.
Er sagt italienische Worte, die ich nicht verstehe und wohl besser auch nicht verstehen
sollte.
Ich krame in meinen Gedanken und finde den italienischen Film aus meiner Kindheit,
von dem ich nicht mehr weiß wann er entstanden ist und wer der Regisseur war und
wer die Darsteller. Ich weiß nur noch, dass er an einem Abend im Fernsehen lief und
„Der Stau“ hieß. Eine Familie fährt in den Urlaub oder aus dem Urlaub. Vielleicht
waren es auch drei Freunde auf dem Weg zur Hochzeit des vierten Freundes oder ein
junges Pärchen oder die Teilnehmer an einem Firmenausflug oder der
Produktionsleiter mit der Schwester der Buchhalterin auf dem Weg zu ihrem
verschwiegenen Liebesabenteuer in den Bergen oder am Strand oder am
Autobahnparkplatz.
Wer immer sie sind, sie fahren auf der Straße, und plötzlich stockt der Verkehrsfluss,
bald darauf steht alles. Die Autofahrer hupen, schimpfen, diskutieren. Sie steigen aus
und versuchen die Ursache des Stillstands zu ergründen. Die Schlange vor ihnen
scheint endlos, einige gehen los und kehren nach kurzer Zeit wieder und wissen nichts
und gehen nochmals los und kommen nach langer Zeit wieder und wissen nicht mehr.
Die Menschen sammeln sich in Grüppchen und kommen ins Gespräch, erzählen sich
und schimpfen und schließen Bekanntschaften. Gemeinschaften entstehen, der
Leidenden, der Zornigen, der Gleichgültigen, der Hinterfragenden. Stunden vergehen,
die Straße ist zu einem Campingplatz geworden, mit provisorischen Sitzgelegenheiten
und Picknickkörben, Dächern aus Decken und Kleidungsstücken, aufgespannt gegen
die lastende Hitze.
Als die Menschen begonnen haben sich in ihre Situation zu finden und aufgehört
haben zu fragen und die Sonne verschwunden ist und die Menschen begonnen haben
sich in die Decken einzuwickeln, kommt ein Schrei von vorne, aus der Kolonne der
stehenden Autos, ganz fern, dann lauter, wird weitergereicht und erreicht schließlich
alle. Etwas hat sich bewegt. Hektik entwickelt sich, die Gestrandeten bauen ihre
Behelfsquartiere ab und räumen die Jausenreste und die Kinder und die
Meerschweinchen ins Auto und werfen ihren Müll über die Straßenbegrenzung.
Alle sitzen sie wieder im Auto, auch die Familie oder die Freunde oder das Pärchen.
Langsam rollt die die Schlange an, Minuten später fließen die Autos wieder dahin,
und die Straße sieht aus, als wäre hier nie das temporäre Dorf mit den Menschen und
den Treffpunkten und den Gesprächen und den spielenden Kindern gewesen.

Diabolito flucht, nein, er heißt Angelo, immer noch.
Der Gasfuß hat aufgehört zu zittern.
Seit vier Tagen sind wir unterwegs, mit 21 Studenten auf Exkursion in der Region um
Bologna. Jeden Tag fahren wir in eine andere Richtung, und jeden Abend kehren wir
zurück nach Ravenna, wo wir uns einquartiert haben, in der Nähe von Dantes Grab
und dem Mausoleum des Theoderich und dem Grabmal des Unbekannten Soldaten.
Angelo steuert uns mit seinem Bus durch alle Klippen. Nie kommt uns eine Straße
bekannt vor, auch wenn wir das Gefühl hatten in die gleiche Richtung zu fahren wie
am Tag zuvor. Immer wenn wir denken, nun würde Angelo abfahren, fährt er weiter,
zur nächsten Abfahrt oder zur übernächsten, oder er fährt von der Autobahn ab und
wieder auf, und zwei Abfahrten weiter wieder ab. Fiera, sagte er bedeutungsvoll. Mit
jedem Tage scheinen die Strecken länger. Angelo chauffiert uns gegen Einbahnen in
winzige Seitenstraßen, und auch Sackstraßen akzeptiert er erst als solche, wenn sich
eine Mauer vor ihm aufbaut. Er fährt ebenso schnell rückwärts wie vorwärts, und die
nationalen Geschwindigkeitsrekorde auf Autobahnausfahrten und in der Einfahrt zu
Mautstellen sind fest in seinen Händen.
Wenn er auf Baustellenabschnitten auf die schmale linke Spur fährt und zum
Überholen ansetzt, lehnen sich die Insassen unseres Busses nach links, als könnten sie
so verhindern, dass wir den Sattelschlepper rechts neben uns rammen. Unsterblichen
Ruhm erlangte Angelo, als er in einem engen Kreisverkehr eine innere Spur zum
Überholen fand, die niemand dort vermutet hatte. Alle im Bus hielten den Atem an,
und selbst den temperamentvollen italienischen Autofahrern stockte der Ton in der
Hupe.
Und nun sitzt Angelo vor seiner Windschutzscheibe, vornüber gebeugt, die
Sonnenbrille ist auf die Nase gerutscht, der Gasfuß zittert nicht mehr, und Angelo
flucht.
Dann, plötzlich, ist es wie im Film. Ein Sattelschlepper beginnt sich zu bewegen, weit
vor uns in der Schlange, und zieht andere mit in seiner Bewegung. Angelo schnaubt
durch die Nase, rückt die Sonnenbrille zurecht und lässt den Motor aufheulen. Dann
fahren wir, nein, wir rollen, ganz langsam nur, aber wir sind in Bewegung.
Sechzig Minuten später werden wir es bis zur Ausfahrt 17 geschafft haben, die
verbleibenden vier Kilometer, und dann werden wir bald vor dem Werkstor stehen.
Granolatte heißt die Firma, die Milchfabrik ist eines unserer Exkursionsziele. Gestern
haben wir zwei Dinge erfahren. Erstens, wir sollen eine halbe Stunde später kommen.
Die Arbeiter müssen noch schnell einen Streik beenden, da hat gerade niemand Zeit
für uns. Aber dann ist es gut, der nächste Streik ist erst am Dienstag. Zweitens wissen
wir nun, dass das in etwas eckigem Englisch formulierte Mail den gesammelten
Wortschatz des Unternehmens enthält. Presentatione will be in Italiano, stand am
Ende. Niemand von uns beherrscht mehr Italienisch, als es für die Bestellung einer
Pizza Margarita erforderlich ist. Es wird hoch peinlich werden. Wir werden uns
gegenüber stehen wie ein neu entdeckter Urwaldstamm im Urwald von Guinea den
europäischen Eroberern. Und wir wissen nicht einmal, wer die Eingeborenen waren
und wer das Volk aus der Zivilisation. Einer der Studenten schlägt vor, in den Stau
zurück zu fahren. Dies würde alles lösen. Aber da eilt schon eine Dame auf uns zu
und begrüßt uns mit lautem Buon giorno. In diesem Moment höchster Anspannung
erinnert sich meine Kollegin Selina, dass sie in der Schule eine Kurzeinführung in die
italienische Sprache erhalten hatte. Drei Jahre nur, aber doch, ein paar Grußfloskeln
sind noch da, und sie meint drei Arten von Spaghetti schon unterscheiden zu können.
Die italienische Dame sagt etwas und winkt in einer Weise, die uns die
vorangegangenen Worte als Aufforderung verstehen lässt ihr zu folgen. In diesem
Augenblick der Krise fallen Selina noch vier weitere Worte ein, sie meint sogar, sie
würde auch noch auf deren Bedeutung kommen. In einem Ausbruch von Heroismus
sagt sie, sie werde übersetzen. Wir sind gerettet, die Blamage ist von unserem Land
genommen, und Selina ist der große Orden für Verdienste um die Nation gewiss.
Die italienische Dame geleitet uns in ein Bürogebäude, führt uns in den ersten Stock,
in ein großes Besprechungszimmer und bedeutet uns Platz zu nehmen. Selina sitzt in
der ersten Reihe, sie hält ein Wörterbuch umklammert und spricht ein Gebet,
zumindest scheint es so.

Heilung

28. Mai 2008

von

Maria Edelsbrunner

Wenn sie den Staub auf den Küchenschränken und den Dreck an den Festern deutlicher wahrnimmt, weiß sie, es ist Frühling. Die Bäume, die sie letzten Herbst gepflanzt hat, scheinen den Winter gut überstanden zu haben.
Zeit, wieder einen Teil der alten Kleider zu entsorgen. Das letzte Stück wegzugeben schafft sie noch nicht, nicht dieses Jahr.
Die Fotos sortieren.
Die Fotos, auf denen beide abgebildet sind, lachend, jeweils eine Bierflasche in der Hand, ein Abend war das gewesen, der sich ins Endlose gedehnt hatte.
Alle Abgebildeten bleiben stehen in ihrem Jahr. Die Bäume im Garten wachsen nicht weiter.
Nur sie selber wird älter, sie achtet darauf nicht fotografiert zu werden, damit sie auch stehen bleiben kann.
Zeit, das Reisig auf dem Grab zu entfernen und die eingegangenen Stiefmütterchen durch frisch gekaufte zu ersetzen.
Es liegt sehr weit entfernt, dennoch besucht sie es regelmäßig.

Sie geht an seiner Seite durch eine belebte Einkaufstraße, es muss wohl in Wien gewesen sein, und sie waren vorher bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von ihm zu Besuch gewesen. Der erste Tag im Jahr ohne Strümpfe, der Wind streicht warm um ihre Beine und spielt mit ihrem Kleid und ihren Haaren, eine Eisbude lockt sie, sie essen das erste Eis im Jahr.
Automatisch steuern sie beide auf die gleiche Bank zu, sitzen dort, blinzeln in die Sonne und reden nichts.
Später wird sie diesen Tag als einen der schönsten ihrer gemeinsamen Zeit in Erinnerung haben, so wie alle Erinnerung trügerisch ist.
Die Tage, die sie so für sich haben, sind selten, und wenn sie ihnen zufallen, wissen sie zuerst gar nicht, was sie damit anfangen sollen.
Erst als das letzte Kind auszieht, sind sie wieder ein Paar und können plötzlich das Paarsein nicht mehr.
Sie versehen das Haus mit neuen Fenstern.
Er geht zu den Eisschützen und langweilt sich.
Sie hilft ehrenamtlich in einer Obdachlosenküche mit, arbeitet mit Frauen im ähnlichen Alter, mit ähnlichen Vorzeichen, trinkt Kaffee und lacht mit ihnen und bleibt doch die ganze Zeit für sich und verspürt den Impuls, sich einfach ins Auto zu setzen und nicht nach Hause zu fahren.
Sie versuchen Geschäftigkeit, Hobbys, Reisen, Freundschaftsbesuche und laden ihre Kinder ein, nicht zu oft, damit sie immer noch gern kommen können.
An manchen Tagen stellt sich unvermutet etwas wie Gemeinschaftlichkeit, Zufriedenheit, vielleicht eine Art dumpfes Wohlbefinden ein, dann, wenn sie still nebeneinander sitzen und Kaffee trinken oder wenn sie im Garten den Wein aufbinden und die arbeitenden Hände in geübtem Einverständnis ineinander greifen.
Man könnte glücklich sein, wenn man entschlossen genug dazu wäre.

Der Tag, an dem ihr Schutzmechanismus versagt, ist ihr deutlich in Erinnerung. Sie ist zur Blutabnahme zum Arzt bestellt, trifft dort auf den Ex-Freund ihrer ältesten Tochter und fängt ein Gespräch an. Sie bleibt unverbindlich, es geht sie nichts an, was damals vor sich gegangen ist.
Er erzählt von sich aus.
So hat sie ihn in der Zeit, wo er zur Familie gehört hat, nicht erlebt.
Sie treffen sich nach dem Arztbesuch in einem Kaffeehaus. Er erzählt weiter.
Sie redet immer weniger und schaut ihn nur an.
Sie schaut demonstrativ auf die Uhr, bezahlt die beiden Kaffee und entschuldigt sich.
Die Flucht kommt viel zu spät.
Sie kann gar nicht glauben, dass er sie wieder sehen will.
Sie gehen zusammen auf einen Jahrmarkt und fahren Autodrom und es ist ihr egal, was sie zusammen für ein Bild abgeben.
Sie stehen an einem Weinstand und trinken ekelhaft warmen Welschriesling. Sie umarmen sich, bevor sie ins jeweilige Auto steigen.
Am nächsten Morgen hat sie Kopfschmerzen und macht sich Tee statt Kaffee zum Frühstück.
Ihr Mann schaut sie an und fragt, ob es ihr nicht gut gehe.
Sie denkt an die vergangene Nacht, an das Wachliegen, an das Versprechen.
Sie sagt wahrheitsgemäß, dass sie nicht gut geschlafen habe. Dass sie sich wieder hinlegen wolle. Er hebt andeutungsweise die Schultern und lässt sie wieder sinken und vertieft sich in die Zeitung.
Er drückt ihr einen flüchtigen Kuss auf und fährt in die Arbeit.
Sie zwingt sich zu Routinearbeiten, ruft ihre Freundin an, erledigt Behördengänge, schaut sich eine Ausstellung an, ohne nachher sagen zu können, was sie gesehen hat, besucht ihren Sohn, putzt ihr Auto außen und innen, rupft abgeblühte Sommerblumen aus und wirft Laub auf die abgeschnittenen Rittersporne, versieht die Rosenbüsche mit Mist, gräbt Dahlienknollen aus und Tulpenzwiebeln ein und kommt nicht zur Ruhe.

Erschöpft und aufgedreht sitzt sie ein paar Tage später auf der Terrasse, eine Decke um die Schultern, die flachen Strahlen der Oktobersonne auf dem Gesicht und versucht, sich in ein Buch fallen zu lassen.
Als das Handy läutet, wird es endlich still in ihr.
Sie schreibt einen Zettel und sperrt das Haus ab.
Sie holen sich Kaffee in Plastikbechern, finden einen Platz am Flussufer, wenig frequentiert, setzen sich nah nebeneinander und reden und reden, und ihre Hände finden sich ganz selbstverständlich.
Eine große Ruhe breitet sich in ihr aus, als sie sich folgerichtig küssen.
Das Handy vibriert schon zum wiederholten Mal in ihrer Hosentasche.
Sie vereinbaren nichts und verabschieden sich.

Im Auto sieht sie endlich nach, wer angerufen hat und erkennt die Nummer nicht.
Ihr ist schlagartig klar, dass sich alles ändern wird, wenn sie zurückruft.
Der Arbeitskollege ihres Mannes scheint selber unter Schock zu stehen, so sachlich und unbeteiligt klingt seine Stimme.
Erst am Ende des Gespräches versagt sie ihm. Er bietet ihr an, sie ins Krankenhaus zu fahren.
Sie lehnt ab und fährt los. Ein Mädchen in einem hellgelben Mantel überquert einen Zebrastreifen, es trägt schwarze Schnürstiefel, die eingezogenen Bänder sehen schmutzig aus. Die Haare leuchten in einem verwaschenen Orange
Noch Jahre später kann sie jedes Detail an diesem Mädchen beschreiben.

Was sie von ihrem Mann zu sehen bekommt, sind Kabel, Schläuche, bleiche Hände auf weißem Bettzeug und die groteske Silhouette darunter, die von einem vollständig und einem halb abgetrennten Bein herrührt. Sie darf anstandslos zu ihm.
Sie berührt seine Hände, küsst sein Gesicht auf eine unverletzte Stelle. Eine Krankenschwester bringt ihr einen Sessel und ein Glas Wasser. Sie setzt sich nah zu ihm und erstarrt.
Es scheinen Stunden zu vergehen, bis ein Arzt kommt und sie zum Gespräch bittet.

Die Versteinerung löst sich erst Wochen nach dem Begräbnis.
Nach einem Gespräch mit ihren Kindern überträgt sie den Verkauf des Hauses einem Maklerbüro und findet weit entfernt ein kleines Häuschen mit großem Garten.
Sie gräbt ihre Rittersporne und Rosenbüsche aus, packt die Papiersäcke mit den etikettierten Dahlienknollen ein und siedelt weitere Pflanzen um. Die Tulpen, der Lavendel, die Obstbäume, die Weinstöcke bleiben zurück.
Sie setzt sich mitten in ihrem neuen Garten auf die Erde und beginnt auf einem Bogen Packpapier einen Plan zu zeichnen.
Anfang Dezember entzündet sie in einer großen Schale auf der Terrasse ein Feuer.
Sie wartet, bis die kleinen Buchenscheite eine schöne wärmende Glut ergeben.
Dann legt sie ihr Handy darauf und sieht zu, wie es sich verwirft, Blasen bildet und dabei ein hässliches Ächzen von sich gibt.

Die Nacht am Strand

28. Mai 2008

Von

Isolde Elisa Bermann

Sie verlassen die Hauptstraße und biegen in einen schmalen asphaltierten Weg, vorbei an müden Gärten und vereinzelten Häusern, die sich in die rötliche Erde ducken. Weiter und weiter verästelt sich die Straße, wird schmäler, holpriger. Die Landschaft ist flach, Schilf und Oleander, kaum mehr blühend, fächern im Wind. Sie überqueren eine Holzbrücke, folgen nun einem Schotterweg, der sie zwischen Pinien und in der Abendsonne blinkenden Lagunenseen nach Süden führt.
Der Campingbus holpert unwillig über den Damm, dessen Schlaglöcher mit braunem Regenwasser gefüllt sind, hellgrün die Schirme der Pinien, schlank stehen sie eleganten Damen gleich, sich schützend.
Das kann nicht der richtige Weg sein, sagt sie und hält sich fest, als der Wagen bockig über Wurzeln ins Innere des Waldes rollt.
Er nickt lächelnd, doch, sagt er. Du wirst sehen.
Äste schaben und kratzen über den Lack, der Pfad hat sich aufgelöst. Die Pinien stehen locker gestreut auf braunnadeligem, weichen Boden. Er hält an. Schau, sagt er.
Sie sieht die Düne.
Dahinter ist es.
Sie steigt aus, atmet den würzigen Duft der Nadeln, hört nichts als das Zirpen der Zikaden. Dann läuft sie los, aus dem Schutz der Bäume, über den sandigen Boden, auf die Düne zu. Ihre Füße werden schwer, sie sinkt ein, wird langsamer, der Sand hält sie fest, macht sie schwerfällig. Ungeduldig geht sie weiter. Dann das Blau. Weich schlagen die Wellen ans Ufer, bilden kleine schaumige Inseln auf braunem Sand.
Sie läuft das Ufer entlang, die Sandalen in der Hand. So wenig, denkt sie. Nur der Horizont, das Meer, der Sand und der breite Saum grüner Kuppeln, der sich in der Ferne verliert.
Wir sind völlig allein, ruft sie, als sie zu ihm zurückkehrt. Er hat den Bus unter einem riesigen Baum geparkt. Die einzige Sorge, die ich habe, ist, dass wir im Sand versinken, sagt er.
Nein, nicht ganz allein, übrigens. Er zeigt nach Norden.
Ein hellblauer VW-Bus schmiegt sich in eine flache Mulde. Eine Wäscheleine ist gespannt, Campingstühle stehen dem Meer zugewandt.
Ah, gut, lacht sie. Es war mir schon fast ein bisschen zu einsam hier.
Sie läuft ins Wasser, das warm ist und sanftwellig, kaum bewegt sie Arme und Beine, lässt sich treiben, lässt sich sinken, taucht wieder auf. Haarsträhnen kleben salzschwer an ihren Wangen, sie lässt sich ans Ufer spülen. Als sie über die Düne steigt, sieht sie den hellblauen Bus vor sich, im Campingsessel eine Frau mit kurzen weißen Haaren.
Ein Lächeln kommt ihr entgegen, die Haare sind auf halber Stirn kerzengerade abgeschnitten, ein Büschel steht am Hinterkopf hoch.
Hallo, sagt sie, ein feiner Platz ist das hier, nicht?
Blaue Augen, weit offen, als staunten sie fortwährend, sehen sie an. Das Lächeln sinkt tiefer ins Gesicht.
Oh ja, wunderbar.
Die Anmut der alten Frau verzaubert sie, legt den Abend in weichen Wellen um ihren Körper, sie hockt sich in den Sand, in einiger Entfernung als dürfe sie eine unsichtbare Schwelle nicht übertreten. Wann sie angekommen seien, fragt sie weiter.
Das wisse sie nicht genau, lächelt die Frau.
Nein?, fragt sie nach und lacht auf. Hier vergisst man einfach die Zeit, das verstehe ich.
Unvermittelt richtet sie sich auf und winkt zum Abschied,
Die Dämmerung kommt schnell. Sie sitzen vor dem Bus, essen Käse, Oliven und Tomaten. Die Luft ist satt, streicht wie eine weichfellige Katze um sie. Er reicht ihr trockenes weißes Brot. Wie schnell das immer geht, lacht sie, heute Morgen war es noch ganz weich.
Es ist so schön, dass man Angst hat, es könnte nicht real sein, sagt sie leise. Sie haben Kerzen angezündet, lassen sich auf das Spiel des Windes ein, der sie immer wieder zum Verlöschen bringt. Sie sehen der schief gewachsenen jungen Schirmpinie zu, wie die hereinbrechende Nacht sie in einen Scherenschnitt verwandelt.
Es sind Deutsche, sagt sie und deutet zum blauen Bus hinüber. Und? Fragt er. Hast du jemanden gesehen? Ein reizendes, altes Paar, sagt sie. Ihn hab ich aber nicht gesehen. Sie machen kein Licht da drüben.
Etwas fällt auf ihr Brot, dann – plötzlich –ist sein weißes T-Shirt mit schwarzen Flecken übersät. Überrascht schreit sie auf. Im Schein der Taschenlampe sehen sie es. Fliegende Ameisen, die aus der Dunkelheit fallen.
Es werden mehr, träge Tiere, sich paarend. Er erschlägt sie. Sie hört auf zu essen. Duckt sich, als etwas über sie fliegt, etwas Größeres, ein Vogel vielleicht.
Fledermäuse, lacht er. Unser Paradies hat ein paar Sprünge.
Ein Windstoß löscht die Kerzen. Sie bleiben im Dunkeln sitzen, die einzelne Pinie weit vorne am Strand zeichnet sich noch eine Weile vor dem Horizont ab bevor sie in die Nacht schmilzt.
Leise unterhalten sie sich. Über die gefährliche schmale Bergstrecke, die sie an diesem Tag gefahren sind. Über die gleißenden Marmorwürfel im Steinbruch der Stadt am Golf. Über ihren Spaziergang in den schmalen Gassen, sich an die Hausmauer pressend, wenn ein Auto durchfährt. Der kleine Löffel im Milchschaum des Cappuccino auf dem runden Tisch im Straßencafe. Die alten Männer, aufgereiht wie Holzkugeln, deren Farbe abblättert, vor pastellfarbenen Häusern auf kleinen Piazzas. Und die Kirche, in deren Innerem ein junger Mann alte Fresken freipinselt.
Als sie schweigen, macht die Stille sich breit, ab und zu trägt der Wind die Stimmen der Beiden heran, die wie sie am Strand sitzen, ebenso wie sie nun im Dunkeln.

Komm schlafen, sagt er und steht auf. Sie geht ins Bad, wäscht sich das Gesicht, cremt spannende Haut ein, putzt Zähne, lässt ein leichtes Nachthemd über ihren Körper rieseln. Er liegt schon im Bett, die Leselampe senkt ihr Licht auf braune Haut, Buchseiten leuchten. Als sie herankriecht, löscht er das Licht, legt einen Arm unter ihren Kopf, fühlt ihre Anspannung.
Ich hab die Kette vorgelegt, keine Angst.
Hab ich nicht, sagt sie. Nicht hier. Nicht mit diesem alten Paar da drüben.

Sie wacht auf. Die Dunkelheit ist grün. Ein rotes Licht blinkt. Erst versteht sie nicht. Das Nachthemd klebt an der Haut. Sie schlägt die Decke von den Füßen, dreht sich. Atmet nicht. Doch dann. Sie versteht. Das grüne Licht kommt vom Kühlschrank, es ist blass. Das rote Blinken zeigt an, dass die Türen des Campingbusses verschlossen sind. Es ist gut. Nichts ist anders.

Sie erwacht wieder. Die Stille ist eine wirkliche Stille. Eine Stille, in der nichts sonst mehr Platz hat. Was, wenn doch? Wenn es doch ein Geräusch gäbe? Wenn es ein Geräusch gäbe, das hier nicht sein dürfte? Ein Schaben. Da ist ein Schaben, ein Wischen. Sie atmet nicht. Dreht sich. Da ist das Schaben wieder. Von ihr selbst verursacht. Sie lacht leise auf. Es ist gut. Es gibt keine Geräusche. Sie streckt ihren Arm zu Seite, die ruhig auf dem sich kaum merklich bewegenden Körper liegen bleibt.

Sie zieht behutsam das Rollo am Seitenfenster hoch. Draußen das Schwarz. Was, wenn ein Licht schiene? Sie versucht, sich zu erinnern, in welcher Richtung der blaue Bus steht, zieht die Beine unter der Decke hervor, hebt sie, zieht sie an, richtet sich auf. Rot blinkt die Anzeige am Armaturenbrett. Sie gleitet vom Bett, geht leise nach vor, schiebt die Innenjalousie an der Windschutzscheibe beiseite. Schwärze. Was hast du erwartet. Ein hell erleuchtetes Etwas da draußen?

Was tust du, fragt er und dreht sich von ihr ab. Ich suche meine Brille, flüstert sie. Du spinnst. Schlaf jetzt.

Sie wacht auf, weil etwas ihr den Atem nimmt. Au, sagt sie. Entschuldige, aber ich muß mal raus. Raus? Sie ist hellwach. Du kannst doch hier … im Wagen? Leise klickend entriegeln sich die Türen, er schiebt die Seitentür auf, stolpert in die Nacht. Beeil dich, flüstert sie. Als er wieder zurückkommt, hat sie sich auf seine Seite gerollt.
Die Stille ist unberechenbar. Jeden Moment kann ihre Tarnung fallen. In jedem Augenblick kann sie anders klingen. Mit jedem Atemzug, noch bevor er zu Ende ist, kann etwas hörbar werden. Sie versucht, nicht zu Ende zu atmen, um diesen Moment nicht zu verpassen. Sie liegt auf dem Rücken, kerzengerade, die Beine ausgestreckt, ihre Füße berühren die glatte Innenseite des Busses. Wenn ich nicht atme, kann sich auch nichts verändern, denkt sie.
Ich werde wachen bis zum Morgengrauen. Dann schlafen. Ich werde wachen, bis sich am Dachfenster der orangefarbene Strich zeigt, wie jeden Morgen die Sonne ankündigt, den Tag, einen weiteren Tag in der Kette endloslanger Urlaubstage. Sie sieht ins Wageninnere, das fahle Grün lässt die Tür zum Bad erkennen, weiter vorne blinkt. Nein. Nichts blinkt. Sie hebt den Kopf, doch das rote Blinken am Armaturenbrett ist nicht da. Er hat vergessen, den Wagen zu verriegeln, denkt sie. Es atmet neben ihr, es atmet laut. Nein, nicht wecken. Nicht wieder diese Stimme hören, wie sie jede Nacht zu hören ist. Dieses Genervte. Diese kleine Kälte. Sie darf nachts nichts mehr tun. Weder sprechen. Nicht ihre Brille suchen. Nicht lesen. Nichts von Angst sagen. Nichts tun, was seinen Schlaf stören könnte.
Der Wagen ist nicht verriegelt. Sie wird wachen.

Sie wacht auf. Sofort sieht sie nach dem orangefarbenen Strich am Dachfenster. Doch alles ist dunkel. Zu früh. Zu früh aufgewacht. Sie sieht durch den schmalen Spalt, den die heruntergelassene Rollo freigibt. Schwärze. Zu früh. Zu früh. Sie legt ihre Hand auf den sich kaum merklich bewegenden Körper an ihrer Seite.
Keine Wölbung. Nichts Festes. Zu niedrig, zu weich. Nichts. Ihre Hand liegt auf der Decke. Sie tastet nach dem Lichtschalter der Leselampe. Doch sie weiß es schon davor. Im Wagen ist es frisch und kalt. Die Schiebetür ist offen. Sie schlüpft aus der Decke, rutscht vom Bett und ruft leise in den dunklen Spalt.
Hey, bist du da draußen? Soviel hast du doch gar nicht getrunken?
Die Stille ist eine vollkommene Stille.
Nur später macht sie Platz. Dem Schrei. Sein Körper liegt mit dem Gesicht nach unten im Sand. Das Licht im Wageninneren erreicht gerade noch das Dunkle um seinen Kopf.

Beim Hofer war’s

28. Mai 2008

von
Peter Heissenberger

Bernds Kopf fliegt von Links nach Rechts, sein Blick jagt über den Parkplatz, aber der Mann im graublauen Anorak ist längst im Verkehrsgetümmel der Unglücklichen verschwunden, die am 23. Dezember nach Büroschluss noch einkaufen müssen.
Nach zehnminütigem heroischem Kampf hatte Bernd einen Parkplatz ergattert und jenem Mann vorschnell zwei Euro für sein Einkaufswagerl gegeben, nur um zu spät erkennen zu müssen, dass nur ein Einfacher im Schloss steckt. – Über den Tisch gezogen beim Einkaufswagerlpfand? Warum macht jemand so etwas? Und wie oft gelang ihm das wohl ohne verprügelt zu werden? War so ein Verdienst eigentlich einkommenssteuerpflichtig? – Ein Euro – mein Gott! Bei seinem Stundenlohn muss er dafür – wie lange? – Ja, zwei Minuten vielleicht, arbeiten. Trotzdem wurmt es ihn maßlos. Wer ist schon gerne der naive Einfaltspinsel, der in seiner trägen Unaufmerksamkeit von einem ausgefuchsten Kleinganoven ausgetrickst wird?
Andererseits konnte es auch ein Versehen gewesen sein. In dem Trubel merkt sich doch keiner, welche Münze er vor einer halben Stunde in den Schlitz geschoben hat.
Bernd lächelt wieder. Sicher: Es muss ein Versehen gewesen sein, und außerdem kann er es ja nachher genau so machen. Auge um Auge, Euro um Euro.

Und damit einmal noch durchgeatmet und dann hinein in den Strom der Konsumwilligen! Konsum und Hofer? Späte Fusion mit einem Verstorbenen? Ein kurzer Gedanke nur, der ihn schon wieder verlässt, als er erkennen muss, dass seit seinem letzten Einkauf hier alles umgestellt worden ist. Echte Panik macht sich breit. Die routinierten Wege müssen neu ausgekundschaftet werden. Wie soll er in diesem Gewühl je den norwegischen Lachs geräuchert, den Sahnekren und die 20%ige Diät – Mayonnaise finden? Jawohl NNAISE, so geschrieben wie es sich gehört, nicht NÄSE. 100%ige Nässe gibt es draußen genug.
Erst diese linke Rechtschreibreform mit ihren Mayonasen, den 20%igen und den 80%igen Mayorüsseln, die dann von über – ambitionierten Supermarktleitern, die ausgerechnet im Advent ihre Autorität beweisen müssen, auch noch in den zweiten Quergang links, neben das Ketchup verbannt werden. Ketchup – ob das wohl noch dort stehen wird, wenn man es längst schon anders schreibt?
Ein Mensch wie er ist einfach nicht für diese hektische Zeit geschaffen. Er ist kein Freund des schnellen Wandels, er liebt Beständigkeit, Werte auf die man sich noch verlassen kann, sein Weltbild ruht auf tiefen Fundamenten.
Und damit steht er wieder im Stau. Irgendwo weit vorne, hinter hoffnungslos ineinander verkeilten Einkaufswagen gibt es Sekt. „So billig, wie sie ihn noch nie gesehen haben!“
Rien ne va plus. Nessun – weita? – Ja, Italienisch hätte er immer schon gern gekonnt: Andiamo amici prego!
Jetzt ist er schon 15 Meter weit ins Geschäft vorgedrungen und hat noch immer keinen einzigen Artikel aus dem Regal genommen. Sicher beobachten ihn die anderen längst argwöhnisch:
Wer ist der Typ dort? Der mit dem leeren Einkaufswagen? Ein Verwirrter? Ein Supermarktdetektiv? Einer, der nur wegen dieses einen Super Mega Sonderangebots gekommen ist, von dem ich noch nichts gehört habe? …
Er zieht den Kopf ein, stellt den Kragen seines Detektivmantels auf und schaut nach links und rechts, doch dort hat man nur Augen und Worte für den Stau:
„Hearst? Geht’s da vorn endlich amal weiter, ihr Weihnachtsmänner?“
Wenigstens ein nettes Schimpfwort, wenn es so etwas überhaupt gibt.

Dann plötzlich: Der Stau reißt auf! Einkaufswagen werden unsanft zur Seite bugsiert, ein ausladendes Hausfrauenhinterteil elegant umschifft. Bernd legt ein Kilo Reis in seinen Wagen. Alibikauf! Aber Reis kann man immer brauchen! Und dazu eine frische Freilandgurke -
Wieso eigentlich Freilandgurke? Aus artgerechter Bodenhaltung etwa? Warum konnte man in seiner Jugend trotz all der antikommunistischen Propaganda ausgerechnet immer ungarische Freiland – Gurken kaufen? Wo doch nur Österreich frei war?
Ganz Österreich? Nein, ein kleines Rudel Aufrechter hält ihm weiterhin den Weg zu den Tiefkühlvitrinen beharrlich versperrt und so weicht er nach links aus, vorbei an den zerwühlten Wühltischen für Sonderartikel, wie sie heutzutage in keinem Lebensmittelmarkt mehr fehlen dürfen: Nasenhaartrimmer, Aktenvernichter, formschöne Strapazierhosen für den modebewussten Rhinozerosreiter von heute. Kurzum Dinge, bei denen man sich einfach fragen muss, wie man bislang hat ohne sie auskommen können, vor allem, wo hier alles doch sooo billig ist. – 300 farbige Heftklammern im Glas! Damit wären auch seine Urenkel noch versorgt.
Eigentlich fehlen jetzt nur noch diese freundlichen Konsum-Motivations-Berieselungsdurchsagen zu seinem Glück:
„Vergessen sie nicht unser Angebot der Woche, beim Kauf von vier Dosen Mischgemüse erhalten sie das Polaroid einer Feldtomate gratis.“
Das Angebot der Woche! Wie das schon klingt, ungefähr so überladen wie: Das Gebot der Stunde! Da hat er schon ganz andere Gebote gehört, die, die mit „Du sollst nicht….“ beginnen. Aber waren das dann nicht Verbote? – Das hat er sich eigentlich immer schon gefragt. Andererseits, wie klingt denn das? Die zehn Verbote? So gesehen ein kluger Marketing Schachzug – wär’ sicher ein hervorragender Supermarktmanager geworden der alte Moses. Man muss seine Thesen eben mit der nötigen Autorität vorbringen, gottgesandt, eingemeißelt in Steinplatten, das wäre auch in der heutigen Zeit mit ihrer Reizüberflutung und der von allen Seiten auf uns einprasselnden Reklame wichtiger denn je:
„Du sollst keine japanischen Autos kaufen!“
„Du sollst keine andere Schokolade essen als meine!“
„Du sollst nicht begehren die Produkte der Konkurrenz!“
„Du sollst mit keinen gefälschten Designerprodukten protzen vor Deinem nächsten!“
„Du sollst nicht töten!“
„Du sollst die österreichische Alpenmilch ehren, auf das Du wohl gedeihest!“
Moment, Halt! Ist da nicht doch eines dabei gewesen, das wirklich wichtig war? Verdammt! Jetzt hat er nicht aufgepasst!

Kaufen, Kaufen, Kaufen, rund um ihn gehen die Einkaufswagen in die Knie. Er lässt sich treiben als würde er gar nicht dazu gehören. Als sei er längst selbst ein Konsumartikel, einer den keiner will, ein Ladenhüter. Was passiert eigentlich mit einem Geschäft, wenn jemand den Ladenhüter kauft? Geht es dann pleite oder brennt es nieder, das unbehütete Geschäft?

Damit hat er seine erste Runde vollendet, eine Dose Cocktailkirschen und ein Dutzend marinierte Austern gekauft, beides reine Zufallstreffer. Wenn er sich weiter derart ablenken lässt, dann ist er zu Sylvester immer noch hier. Mit einem kühnen Sprung flüchtet er in eine enge Nische zwischen Fertigpüree und Hühnersuppe. Ein rettender Hafen im immer dichter werdenden Strom – das Auge des Orkans. Durchatmen!
Am liebsten würde er seinen Wagen hier stehen lassen, sich durch eine Oberlichte zwängen, nach draußen abseilen und auf eine Essenslieferung vom Weihnachtsmann hoffen. Am 23. Dezember geht doch niemand mehr einkaufen – da sind die Geschäfte viel zu überfüllt!
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Jingle bells, jingle bells.. „Grüß Gott!“ 6290, 7.90, 3×1.90, 3.90 – kann der nicht schneller machen, bis der endlich seine Milch im Wagerl hat staut sich schon das halbe Band. Jingle bells, jingle bells. Na endlich! 1.90, 3.90, 1-2-3-4-5 mal 0.90, Sonderartikel Strickhandschuhe 19.90. jingle bells, jingle bells“
Seit sieben Jahren sitzt sie nun schon an der Kasse. Aus dem Job, der eigentlich nur helfen sollte das Tief im Medizinstudium zu überbrücken ist längst eine Einbahnstraße in die Werktätigkeit geworden. Eine Hand am Band, eine Hand an der Kasse. -„7.90, 5.90, 2.90,“ – Sie ist zur gut geölten Maschine geworden. Bestaunt, manchmal sogar gelobt: „Also, wie sie sich das alles merken und so schnell eintippen, Fräulein, also da kommen diese modernen Computer Dinger nicht mit, sie wissen schon, die mit den Strichen und so. Also, was ich mich da schon geärgert habe.“
Lächeln, „Danke!“, der nächste Kunde wartet schon ungeduldig.
Wen interessiert es schon, dass sich die Maschine in ihr schon lange nicht mehr abstellen lässt. „2.90, 1.90, 3.90. macht zusammen 11.90.“ – „Danke und 90.“ – „Schönen Tag noch und 90.“ – „Endlich Feierabend und 90.“ – „Wir sehen und dann morgen und 90.“ – „Komm gut nach Hause und 90.“ – „Ich schlafe in letzter Zeit kaum noch und 90.“

Es gibt keinen Netzstecker zu ziehen, keine Lider zu schließen, ihre Nächte, ihre Träume, sind ein endloses Förderband aus versäumten Gelegenheiten. Franz – 11.90, Faschingsprinzessin der dritten Klassen – 150.90, Anatomieprüfung im dritten Versuch – 20.000.90, Egon – 1.90? 0.90? „Ach, für den müssten Sie eigentlich noch etwas kriegen, nehmen Sie ihn nur ja schnell mit.“ Warum kaufen diese gesichtslosen Menschen nur immer wieder die selben Dinge?
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Endlich ist ihm seine Liste eingefallen. Wozu hat er die heute morgen eigentlich geschrieben? Männer sollten einfach nicht einkaufen gehen. Das muss so eine Art Gendefekt sein.
Aber jetzt: Den Wagen wird er in der Nische stehen lassen. Als Infantrist ist er in diesem Dschungel sowieso viel besser dran. Er spürt archaische Kräfte, endlich wieder Jäger und Sammler sein! Längst verloren geglaubte Triebe werden wach – die nächsten beiden Wochen wird er sich nicht rasieren.
Erste Beute: Zwei Kilo Orangen – die Nasangen sind anscheinend noch nicht reif.
Er singt: „Ich wurd’ geboren mit ‘nem Lächeln im Gesicht, die ganze Welt, die ist mein Freund, oh – ja!!“
Na ja, klingt auf Englisch irgendwie besser – oder einfach nur halb so blöd.
Leise summend tänzelt er auf sein nächstes Ziel zu: Äpfel – zwei Kilo im Plastiksack. Ein schneller Griff – erwischt! Auftrag Obst erfüllt, zurück damit zur Basis und dann weiter zum Fleisch.
Links, rechts, flinke Bewegungen, eine volle Drehung, ein kleiner Sprung, Schritte, wie er sie seit der Maturaballpolonaise nicht mehr gegangen ist.
„Got a dance!“ Fred Astaire ist tot, Gene Kelly ist tot, aber ihm geht es blendend.

Hat er möglicherweise das Schild übersehen auf dem für alle anderen ganz deutlich steht: „Freundliches Gesicht machen bei Strafe verboten.“ Was haben die sich denn erwartet? Drängen sich eine Stunde vor Feiertagsladenschluß mit einer halben Milliarde anderer in einen deprimierenden Betonflachbau und wundern sich, dass ihnen das keinen Spaß macht? Der dort drüben zum Beispiel, der mit dem Lodenmantel und dem Gamsbarthut, ist der nicht zum Schießen? Weidmannsheil, Herr Graf, das Rehgulasch liegt in der dritten Truhe.
Oh Gott, diese Menschheit ist verloren!
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Zwei Stunden noch! Ihr macht es nichts aus, auch heute zu arbeiten. Besser als zu Hause zu bleiben – allein. „Guten Tag.“ Ein rascher Blick in den Einkaufswagen, ist eh schon lange nichts mehr vorgekommen. „5.90, .90, 1.90“
„Entschuldigung. Können sie nach dem Toilettenpapier vielleicht eine Zwischensumme machen? Ich weiß nicht, ob ich genug Geld dabei habe.“
Sie nickt. Schon wieder so eine. Indirekt – Einkäuferin. Warum kommen die nicht gleich ins Geschäft und sagen: „Was kostet das alles, was sie hier haben?“ – „38 Millionen gnädige Frau.“ – „Gut, dann gehen sie bitte mit und ich sage ihnen, was ich alles nicht nehme.“ Immer Lächeln!
Mit dem Toilettenpapier um 3.90 macht das genau 23.70.
Natürlich hat sie nicht genug Geld dabei, die dumme Pute, dabei liegen da noch gut 15 Euro auf dem Band. Zwanzig habe sie, also knapp die Hälfte, das ist wirklich ein starkes Stück, so gut kann sogar ein Blinder schätzen.
Die nächste Kundin ist offenbar die Mutter. „Hab ich’s Dir nicht gleich gesagt Hilde? Wissen Sie was, Fräulein, lassen sie mich vor, dann weiß ich wie viel mir übrig bleibt, für meine Tochter.“
„Gerne!“ Sie versucht ruhig zu bleiben, vielleicht sind das ja Testeinkäufer. Immer freundlich bleiben zu den Kunden. Lächeln!
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Er steht an der Kasse und wieder geht nichts weiter. Dabei liegt sein gesamter Einkauf schon auf dem Band. Alles da: Zitronensaft, kandierte Früchte, der Zucker heute sogar als Feinkristall.
Was sich vor ihm abspielt muss allerdings der Supergau für jede Kassiererin sein. Jetzt klettert die Alte halb über den Einkaufswagen der Jungen. Ihm soll’s recht sein, seine Schlacht ist geschlagen und wie er vom Parkplatz kommen soll im Augenblick noch egal.
Die Kassiererin mit ihrer Engelsgeduld macht Weihnachten alle Ehre. Schade, dass ihr Lächeln nicht ernst gemeint ist. Er summt: „Deine wahren Farben sind leider nicht so schön wie ein Regenbogen.“
Aber ist es ihr denn zu verdenken? Er könnte das nicht, keine fünf Sekunden lang still sein bei so viel Dummheit. Eine Stunde muss sie jetzt noch durchhalten, dann kann sie heim zu ihrem Mann. Zu den zwei kleinen Kindern vielleicht. Er starrt auf die flinken Finger. Kein Ring zu sehen. – Was ist das nur mit Singles und Weihnachten?
Endlich zahlt die alte Schachtel. Wie viel sie jetzt übrig hat? Satte 7 Euro das reicht bei weitem nicht. Mit einem lauten Klatschen fährt seine Hand zur Stirn. Er erntet einen finsteren Blick der Kassiererin.
„Aber nein – nein. Das galt doch nicht Dir, ich bin doch auf Deiner Seite.“ Er lächelt, doch da hat sie sich längst schon weg gedreht. – Na toll, das hat er ja wieder einmal großartig verbockt!
Vor ihm steigert sich derweil das Drama zu einem furiosen Schlussakt. 5 Euro 40 müssen zurück gelegt werden: „Was kostet das?“ – „Und was das?“ – „Aha!“ – „Und das?“ – „Und die drei zusammen?“ -„Hmm!“
Er hat den Zehner schon in der Hand. „Nehmens den -bitte!!!“ Natürlich weiß er, dass das nicht geht – nicht einmal zu Weihnachten. Das erwartet heute keiner mehr, da wird dann gleich ein Pferdefuß vermutet und am Ende muss ER sich dann noch rechtfertigen.

Er senkt seinen Blick und starrt in den leeren Einkaufswagen. Er ist weit weg, an den unruhig herbeigesehnten Weihnachtsabenden seiner Kindheit. Advent, damals die längste Zeit im Jahr. Im nächsten Moment sieht er die Lösung.
>> Du musst hier predigen! <<
So rasch und unvermutet, wie dieser Gedanke auf einmal aufgetaucht ist, so klar und nicht weiter hinterfragbar steht er jetzt vor ihm. Natürlich! Wenn nicht er, wer dann? – Wenn nicht jetzt, wann dann? – Diese Welt kennt schon genug, die ihre Augen vor allem verschließen. Er wird sich hinstellen, wo ihn jeder sehen muss und den Menschen diese Augen wieder öffnen. „So kann das nicht weiter gehen meine Freunde. Wir müssen einander wieder anschauen. Miteinander reden, uns auch mal anlächeln. Versuchen wir doch, auch das, was wir tun müssen mit Freude zu machen. Es ist gar nicht schwer.“

Ein Gefühl reiner Wärme steigt in ihm auf. Eine Eingebung, ein Auftrag, der keinen Aufschub duldet. Voll Euphorie dreht er sich um.
Er merkt nicht, wie hinter seinem Rücken die Geflügelschere um 7.90 zurückgegeben wird und in hohem Bogen zur Quengelware fliegt.
(*)
„So, bitte! Den Zettel kann ich ihnen aber nicht mitgeben, ich muss das nachher stornieren, sonst hät’ jetzt die Chefin kommen müssen und ich dann alles neu eintippen.“
„Ich brauch den Zettel aber. Ich muss ja überprüfen ob sie richtig gerechnet haben.“
Ihr steht die Galle bis zum Hals. Wenn sie dieser Funzen noch einmal ins Gesicht schauen muss, dann wird sie sich unweigerlich an ihrer Kehle fest beißen. Sie reißt den Kassabon ab und wirft in den Wagen: „Dann kontrollierens des da hinten und geben ihn mir dann zurück. Auf Wiedersehen.“ Warum nur hat sie die Geflügelschere so weit weggeworfen? Diese dummen Hühner gehörten längst gerupft.

Die Schlange vor ihrer Kasse ist endlos. Eine Stunde? – Das ist doch eine Lüge, sie wird hier sitzen bis zum Ende ihrer Tage, bis sie hier endlich Harakirischwerter verkaufen. Durchatmen. Lächeln!
„Grüß Gott.“

Ein leerer Einkaufswagen steht verlassen neben dem Förderband. Der Kerl mit der klatschenden Grimasse ist weg. Was ist jetzt los? Wo ist der hin? Ist sie denn heute nur von Verrückten umgeben?
Die ganze Schlange hat sich inzwischen umgedreht und jetzt sieht sie ihn auch, wie er auf den Wühltisch mit den Strickhandschuhen geklettert ist, aufsteht, die Hände weit ausbreitet und ruft:
„Freunde, hört mir zu! Ich.. Ich .. äh, ..Also,.. Ich, …. Äh, wollte… ich glaube, .. ich hab da unten irgendwo meine Kontaktlinsen verloren.“

Gefangen

21. Mai 2008

Gefangen
von
Isolde Elisa Bermann

Das schrille Klingeln ließ ihn erschrocken hochfahren. Seine Brust war schweißbedeckt, der Atem ging schnell, er bekam einen Hustenanfall, versuchte, den Wecker auszuschalten, fluchte, trat wütend nach der Katze, die aufs Bett gesprungen war und ihm in die Zehen gebissen hatte. Scheiße, sagte er zum Morgen, der unschuldig grau ins Zimmer kroch.

Es war fünf Uhr. Er ging in die Küche, nahm einen kräftigen Schluck aus der großen, bauchigen Flasche und fuhr sich mit kreisenden Bewegungen über den Schädel. Obwohl er keinen Hunger hatte, suchte er nach Essbarem in den Küchenkästen. Im Kühlschrank brauchte er nicht nachzusehen, selbst wenn sich darin etwas befunden hätte, wäre es längst verdorben. Er hatte seit Wochen keinen Strom mehr im Haus. Die Katze biss ihn erst, seit er ihr nichts mehr zu fressen gab. Auf dem Küchentisch standen die Reste seines gestrigen Abendessens, ein paar angebissene Äpfel und eine zu drei Viertel geleerte Rotweinflasche. Er rülpste laut.
Heute Abend sollte das anders werden. Deswegen war er schließlich so früh aufgestanden.

Er ging zurück ins Schlafzimmer und öffnete die Kastentür, die jämmerlich quietschte. Schließlich entschied er sich für eine dunkelgrüne Hose, die er erst einmal gewaschen hatte. Die vielen Flecken darauf würden sich als gute Tarnung erweisen.
Dann zog er an einem Ärmel, der aus dem Wäschehaufen hervorragte. Dem Hemd fehlten alle Knöpfe, aber das war ihm egal. Die Wollweste, die ihm seine Schwester vor dreißig Jahren gestrickt hatte, würde das Hemd dort an seinem Körper halten, wo es hingehörte. Einigermaßen zumindest.

Ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte ihn. Er würgte und spie Schleim. Kruzifix no amol, wos isn hait lous, krächzte er dem Wildschweinschädel, der grinsend an der Wand hing, zu. Er nahm die Ausrüstung, die er sich am Vortag bereitgelegt hatte, steckte seine Füße in die Gummistiefel und tastete nach der Zigarettenschachtel in der Westentasche. Sie war da und er war augenblicklich beruhigt.

Er ließ die Haustür unversperrt. Als er im Garten stand, drehte er die Augen zum Himmel. Es würde nicht regnen. Die Wolkendecke hing träge und gleichmäßig grau über ihm. Bevor er die Gartentür hinter sich zufallen ließ, stieß er wie jeden Tag einen kräftigen Fluch aus.
Und wie jeden Tag folgte ein Seufzer über die ungerechte Verteilung der irdischen Güter, die sich beim Anblick der Nachbarhäuser so deutlich zu erkennen gab. Wenigstens hatte er ausreichend Grund um seine Hütte, und er hatte ausreichend Grund, ihn nicht zu mähen, damit die klebrigen nackten Schnecken sich in Ruhe vermehren und auf das Nachbargrundstück kriechen konnten.
Natürlich war er angezeigt worden, mehrmals sogar, aber letzten Endes war nichts weiter passiert.

Er folgte dem Schotterweg leicht bergab und bog dann in einen schmalen Waldpfad ein, der nach einer Weile leicht bergan führte. Er atmete schwer, hustete wieder und spuckte aus. Die Gummistiefel waren nass und erdbraun verschmiert. Feuchte Morgenluft legte sich schwer um seinen Hals. Gegen halb sechs stand er schließlich vor dem hohen Zaun. Ein Tor war darin eingelassen, mit einem schweren Schloss versperrt. Mühelos knackte er es und zwängte sich hindurch.
Das Gebiet war weitläufig eingezäunt, eine Forststraße führte hindurch. Es war Jagdzeit.

Ein Vogelschrei zerschnitt die Stille. Wind kam auf, er zog die Weste enger um den Körper, seine Hand, die die Ausrüstung trug, war klamm vor Kälte. Er sah seinen Gummistiefeln zu, die über den Kiesweg schürften. Die Bäume standen wie bedrohliche Soldaten. Eine große Lichtung breitete sich in weichen Hügeln vor ihm aus. Die Teiche waren darin eingebettet. Er ging auf den größten zu, der Wind hatte zitternde Wolken hineingezeichnet. Schilf säumte das Ufer, ein Steg stelzte auf hölzernen Beinen über dem Wasser.

Er hustete wieder, seine Eingeweide zogen sich zusammen, er krümmte sich. Als er wieder zu Atem kam, schritt er auf den Steg zu, setzte sich auf die feuchten Planken. Keuchend zog er die Packung aus der Westentasche und fischte mit steifen Fingern nach einer Zigarette. Zerscht amol a Fruahstuack, krächzte er und spie nach den Enten, die sich wie eine Armada aus braunen kleinen Booten auf ihn zu bewegten.
Teifl, des Kraut, er hustete, würgte, und rauchte. Die Enten drehten erschrocken ab.
Dann zog er die schäbige Blechbüchse aus der Hosentasche, holte ungeschickt einen der Würmer hervor, befestigte ihn zitternd und fluchend am Angelhaken.
Jetzt seids draun, sagte er befriedigt und ließ die Rute ins Wasser schnellen.
Sein Rücken lehnte unbequem an der Stange, an der sich das Schild „Angeln und Baden verboten“ befand. Er wusste nicht, wozu der Graf das Schild anbringen hatte lassen, das Gebiet durfte nur von ihm, seinen Förstern und Jagdgästen betreten werden.

Er erwachte von der Bewegung der Angel und richtete sich stöhnend auf. Sein Gesicht brannte, er wischte kurz darüber, hustete, sah das Rot auf seiner Handfläche. Scheiße no amol, wos isn des.
Er zog, die Rute bog sich durch, die Schnur ließ sich nicht einholen. Er drehte die Angel, zog hoch, versuchte, mit Bewegungen nach links und rechts, die Schnur freizubekommen. Endlich ließ sie sich einholen, er drehte mühsam, Teifl eini, suiche Fisch san jo do gor net drai, sagte er laut, und dann zog er hoch.
A Waunsinn. Wos isn des? Es war ein Stiefel, hoher Absatz, schlammverschmiert.
Er kratzte sich und seine Fingernägel schabten über die bartstoppelige Haut. Dann zog er einen Westenärmel über die Hand, wischte mit dem Ballen an der Schmutzschicht. Schönes teures Leder kam zum Vorschein, mit Schuhen kannte er sich aus.
Vielleicht gab es den zweiten noch irgendwo?
Er richtete sich unter Stöhnen auf, fasste nach seinem Rücken, ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn.
Das Ufer des Teiches war an manchen Stellen morastig und schilfbewachsen. Er durchschritt den Sumpf, bog das Schilf auseinander, ging ein Stück ins Wasser, tastete mit dem Ast, den er am Ufer gefunden hatte, stocherte am Boden, wühlte sich durch.

Plötzlich stieß er gegen ein Hindernis. Es war weich und nachgiebig, er lachte laut auf, das musste der zweite Stiefel sein. Er beugte sich hinunter, griff mit der Hand ins trübe Wasser und schrak zurück.
Das war kein Stiefel.
Das war nichts, was er kannte.

Er trat gegen das, was da lag, am seichten Teichufer. Es bewegte sich, er versuchte, seinen Fuß unter das Ding zu bekommen, es hochzuheben, dann fuhr seine Hand von neuem ins Wasser und er packte zu.

Erst als er sah, was nun halb aus dem Wasser gezogen war, wurde ihm bewusst, dass er in kein Tierfell gegriffen hatte.

Teifl. Er starrte sie an. Solch einen Körper hatte er noch nie gesehen, außer in den Magazinen, die er unter seinem Bett verstaute und in Filmen, die er sich nun immer weniger ansah.
Sie war vollkommen nackt.
Ihr Gesicht ließ ihn etwas tun, was er seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. Er bekreuzigte sich.

Als er schwer atmend und mit brennender Brust in der Vormittagssonne auf dem Steg saß, den Inhalt der flachen Flasche warm und beruhigend im Magen, hätte er nicht sagen können, weshalb er es getan hatte. Nur, dass er es hatte tun müssen. Dass es eine Sünde war, ein Geschöpf wie dieses im Teich verfaulen zu lassen. Dass sie ein schönes, warmes Grab verdient hatte unter dem großen Baum auf der Lichtung. Dass sie dort Sonne haben würde, vom Morgen bis zum Abend und dass weiches Gras und Farne über ihr wachsen konnten und vielleicht auch Blumen. Wenn nicht, wollte er ihr welche bringen.
Wenn er eine Stimme gehabt hätte und einen Menschen, der dieser Stimme zuhörte, dann hätte er erzählt, dass er so etwas wie Stolz gefühlt hatte, weil er auf einmal fast hatte laufen können, zu seinem Haus, hinter dem der alte Schuppen mit dem Werkzeug stand und dass er die Schaufel mehr gezogen als getragen hatte, weil sie immer schwerer geworden war in seinen Händen.
Und dass ihr Haar, das an der Sonne noch ein letztes Mal zu seiner blonden Schönheit getrocknet war, ihn so berührt hatte. Und dass deswegen seine Hände so gezittert hatten, als er das weiße Tuch, das er am Teichufer gefunden hatte, um ihren Kopf band.
Und dass er erst, als alles vorüber war, wieder daran gedacht hatte, dass Jagdsaison war.

Er hatte jetzt eine Aufgabe. Er musste auf sie aufpassen. Nie sollte jemand von seinem Geheimnis erfahren.
Erst als er wieder in seine Hütte stapfte, wurde ihm bewusst, dass ihn an diesem Abend das gleiche Essen erwarten würde, wie an den Tagen zuvor. Doch es war ihm egal.

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