Er nannte sie Madonna

31. August 2009

Er nannte sie Madonna.

Er hatte sie immer so genannt, sie wusste nicht mehr, seit wann sie den Namen hatte. Jemand war auf die Farm gekommen, unsichtbar, in der Nacht, hatte einen Zettel hinterlassen. Komm zum großen Mangobaum, am Ende der Reisfelder, wo der Pfad auf den Berg beginnt. Komm allein. Morgen, mit Einbruch der Dunkelheit.

Nun stand sie ihm gegenüber, und sie hatte entsetzliche Angst.

Du musst zahlen, Madonna, sagte er, und der Boden unter ihr gab nach und drohte sie zu verschlingen.
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Canyon Sin Nombre

31. August 2009

Die Straße begann zu fallen. Im Grunde war es keine Straße, wir folgten den Fahrspuren einiger Geländewagen, die irgendwann hier gefahren waren. Das Asphaltband, von dem wir abgezweigt waren, war noch im Rückspiegel zu sehen, wurde schmäler und verschwand. Der Wagen holperte über Steine, wich einigen Kakteen aus, verschluckte Creosotebüsche, die ein hässlich kratzendes Geräusch auf der Bodenplatte erzeugten.

Sebastian saß am Beifahrersitz neben mir und schwieg. Als der Untergrund kurzzeitig etwas ebener wurde und meine Aufmerksamkeit sich etwas entspannen durfte, blickte ich ihn von der Seite an. Er saß nach vorne gebeugt und hielt sich am Türgriff fest. Seine Lippen waren aufeinandergepresst, seine Augen größer als sonst, geweitet von angespannter Erwartung, und gleichzeitig war da ein Leuchten. Bist du ok, fragte ich ihn. Er nickte und schwieg weiter.

Der Boden wurde wieder schwierig, ich musste nach vorne sehen. Das Gelände fiel stärker, gleichzeitig mischte sich der harte Untergrund mit Sand. In der Ferne war eine ebene Fläche zu erkennen, an deren Ende eine senkrechte Felswand, wie eine Mauer. Aber noch war der Abfall zu bewältigen. Der weiche Untergrund erzeugte wenig Geräusch, wir glitten wie auf Wasser dahin. Sebastians Atmen war zu hören. Wir rutschten nach unten, den einsamen Spuren nach, gezogen von Fahrzeugen, die für diesen Boden geeignet waren. Im Gegensatz zu unserem. Es wurde steiler, der Sand nahm zu, der Wagen rutschte, reagierte verzögert, widerstrebend auf meine Lenkmanöver. Ich konnte wenig tun, nicht stehenbleiben, nicht bremsen, nur starr nach vorne sehen und versuchen große Steine zu umschwimmen. Wir fuhren in einen Abgrund, auf einem Boden, der sich langsam nach unten neigte, zumindest schien es so. Wir fuhren in ein Loch, direkt zum Mittelpunkt der Erde, in Dürrenmatts Tunnel, jenem aus der Geschichte ohne Ende.
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Lorikeets

31. August 2009

Ich hatte meinen Missmut mit einigen Gläsern mittelmäßigen italienischen Weins betäubt und mir selbst ausreichend Leid getan, ob meines widerlichen Schicksals. Draußen lag eine laue Sommernacht, und das Zirpen der Grillen klang durch das halb geöffnete Fenster wie höhnisches Lachen. Meine Augenlider waren schwer geworden, und der Text auf dem Blatt vor mir verschwamm. Nur der Ärger hielt mich wach. Der Ärger über mich selbst, der ich hier saß und die Aufsätze von Menschen las, die ich nicht kannte. Der Ärger über die Schreiber der Aufsätze, die mir die Zeit raubten, und die Chance, auf der Terrasse zu sitzen und guten Wein zu trinken. Der Ärger über das Geschreibsel, durch das ich mich hier quälte.
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Der Hochzeitsleser

31. August 2009

Die Braut hat mich gebeten, dass ich heute für ihre Hochzeit etwas Selbstverfasstes lese.

Das möchte ich nicht tun.

Bitte, meine Damen und Herren, nehmen Sie das gelassen hin. Ich will es begründen.
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Chlorid

31. August 2009

Draußen der Nebel, und ich sitze seit viereinviertel Stunden auf meiner blauen Couch. Es dämmert. Ich höre mich atmen.

Ich mag diese Couch. Die Lehnen sind schräg. Man kann sich bequem nach hinten lehnen. Vor viereinviertel Stunden habe ich die Handflächen neben meine Oberschenkel gelegt. Dort sind sie immer noch. Wenn ich etwas bewege, dann hauptsächlich die Augen und nur wenig den Kopf.

Das Wohnzimmer ist geräumig.

Links die drei Fenster. Keine Vorhänge, keine Jalousien. Ich habe in der Regel nichts zu verbergen.

Rechts die Wohnküche.

Weiße Kästen, alles sauber. Ich habe in der Regel nichts zu kochen.

Hinter mir eine Wand mit dem gemalten Bild. Wenn ich mich umdrehte, könnte ich es sehen. Aber das tue ich lieber nicht. Vor viereinviertel Stunden ist es noch da gehangen. Wenn es jetzt fort wäre, es würde meine Situation verkomplizieren. Darum denke ich mir, dass es noch da ist. Den Rest des Beitrags lesen »

Zuggeschichte

31. August 2009

Ein fiktionaler Extrakt einer Autobiographie

Zuggeschichte

Sie studierte Literatur. Aber viel lieber studierte sie das Leben. So saß sie eines Tages im Zug nach Graz, nahm ihre Mappe über Britische Literatur des 20. Jahrhunderts heraus und tat so, als ob sie lernen würde. Im Abteil, einem geschlossenen Abteil der Österreichischen Bundesbahnen, saßen außerdem drei Frauen, eine wesentlich jünger als sie, mit pinkgefärbten, kurzen Haaren und einigen Piercings, und eine Braunhaarige (aber irgendwie auch nicht naturecht ), die scheinbar etwa gleich war alt wie sie, was man heutzutage ja nicht mehr so genau schätzen kann. Die dritte Frau war wesentlich älter, mit ersten grauen Haaren – naturecht. Diese unterhielt sich mit der Frau mit den braunen Haaren über Schwarze. Afrikaner. “Ja, das is halt so wie bei uns. Da gibst auch schöne und net so schöne Männer. Der von Herzblatt, der Moderator, der g‘fällt mir.“ Wobei die jüngere Frau meinte: “Schweizer sind fesch“. Den Rest des Beitrags lesen »

Das war schon ein komisches Gefühl, als ich ihr sagte, dass ich sie betrogen hatte. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass es mich sonderlich viel Überwindung gekostet hatte, aber irgendwie war das schon auch neu für mich. Ich meine, ich hab das schon länger gewusst, dass ich es ihr sagen würde, aber geplant, wann, wie, warum eigentlich es ihr überhaupt sagen, nicht wirklich. Aber sie hätte das irgendwann sowieso herausgefunden. Also warum ihr das nicht selbst sagen. Ist irgendwie auch einfacher jemanden mit solchen Dingen zu überraschen, als selbst von ihnen überrascht zu werden. Jemanden zu betrügen ist ja nicht gerade Weihnachten oder Geburtstag. Vielleicht aber manchmal genauso belanglos.
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Altes Rein und Raus

31. August 2009

Mechthilde, Wiltrud und Thilo waren Synchronsprecher eines österreichischen Pornovideoringes. Davon wussten aber nur sie selbst und ihr Arbeitgeber. Amtlich war man Reinigungspersonal. Viel hatte man sich nicht zu erzählen, trug man doch die gleiche Alltagslast, wie jeder andere. Das ist so, altert man an. Rein ins Leben und irgendwann mal wieder raus. Man lauschte da lieber der Seufzerei Österreichs. Nur zuhören, gleichmäßiges Kopfnicken, kein Kommentar.
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Sommerexodus

31. August 2009

Die Augenbrauen verloren ihre Sinnhaltigkeit. Der Schweiß rannte über die angespeicherten Haarbüscheln, links und rechts an ihnen vorbei und brannte schließlich in den Augen. Mit dem nackten Handrücken den Schweiß wegzuwischen war vergebens, da genauso voller nassem Salz und das T-Shirt sowieso schon durchnässt. Ein typischer Stadthochsommer eben. Nur aus den offenen Kellern der Altbauten kam so etwas wie ein Strom gruftiger Abkühlung. An den Kellerfenstern blieb ich auch gerne stehen und sah, wie die heißen Autodächer zu brennen schienen. Dann starrte ich in das dunkle Loch eines Kellers und der Teufel hätte unten sitzen können, um mich zu fotografieren, oder der Tod selbst um mich auszulachen, ich sah nur Schwarz, da die Pupillen atomisch klein. Den Rest des Beitrags lesen »

Der Versuch

31. August 2009

Mich hat gerade die Inspiration überfallen, ohne Warnung, mir fehlt es wohl an Tarnung,

oder an Konsequenz in meiner Existenz, was das Nichtstun betrifft.

Ich hab’s mir gerade bequem gemacht auf meiner Couch mit einer Tafel Schokolade,

der Film fängt gleich an, ich merk’s, wie ich mich entspann –

doch nein! – das kann doch sein, mir fällt gerade was ein,

überwindet die Balustrade in meinem Hirn.

Ich hab doch gesagt, ich schreib nie wieder was, denn ich kann es nicht,

ihnen gerecht zu werden, den Beschwerden des Seins und des Meins und Deins –

und schon gar nicht den unsren.

Und so hab ich es versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich jemand mal drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

“Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.”

Doch nun sitze ich hier, trinke mein Bier, der Film fängt gleich an,

doch ich kann mich nicht konzentrieren, muss grad Verse sezieren

und Reime und Rhythmus und so… vielleicht geh ich mal aufs Klo

und schau, was man so tun kann gegen diesen Angriff der Inspiration,

vielleicht ist es ja ein Hohn, das Schicksal will mir was sagen, vielleicht,

dass es auf alle Fragen doch einen Antwortsatz gibt, der wahr ist, natürlich rar ist, doch völlig klar ist, wenn man es so bedenkt, wäre es doch verschenkt und alles im Eimer

bei der Familie Beimer!

Und so steh ich von der Muschel auf, hör auch zum Kuscheln auf,

und setz mich auf meinen hinteren

Sessel.

Ich hab’s so oft versucht, hab das Papier verflucht, die Stifte und den Computer,

wurde rot wie ein Puter, wenn mich mal jemand drauf ansprach,

auf meine Schreiberei, stammelte:

“Nicht das Gelbe vom Ei, und außerdem liegt grade mein Hirn brach.”

Doch wenn man’s recht betrachtet, Ausreden mal verfrachtet oder gleich ganz verachtet,

waren das alles nur lahme Entschuldigungen. Ab jetzt will ich keine Huldigungen,

aber auch keine Duldungen, ich will nur Schreiben, ganz dabei bleiben,

will sie fühlen, die Ketten aus Worten und orten die Gedanken, die sich übermütig ranken,

manchmal werd ich natürlich sicherlich schwanken, werd mich mit mir selbst zanken,

doch ich werd nicht aufhör’n, denn ich habe zu danken: Ihnen, verehrtes Publikum,

für’s Zuhör’n und Applaudieren, ich kriech auf allen Vieren

vor Ihrer Geduld und Toleranz, und ich verbeuge mich tief auch vor der, die grade noch schlief, dessen Nase lief, warum blicken sie schief? Das sind eben meine Gedanken, deren Bilder sich ranken. Sie schauen auf die Uhr? Wie könne Sie nur, wollen Sie sich zanken? Warten Sie auf dem Flur, bis ich hier fertig bin, dann biege ich Sie hin… Wo war ich gleich nur?

Ach ja: Auch DAS ist Literatur.

© Eva Kuntschner, November 2001

Gestern fuhr ich mit der Straßenbahn,

da sah ein Mann mich an,

und dieser Blick gefiel mir überhaupt nicht.

Er schaute mir nämlich nicht gleich in die Augen,

sondern gaffte ganz dämlich zuerst mal auf meinen Busen,

auf alles unter den Blusen und Pullis und Hosen

mit einem ganz großen

und ungenierten Blick.
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